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Handysucht bei Kindern: wann es zu viel ist

Von Daniel Weihmann · aktualisiert am 14.09.2026

Kurz gesagt

  • Viel Zeit am Handy ist noch keine Sucht. Entscheidend ist, ob dein Kind die Kontrolle verliert, andere Dinge dafür aufgibt und trotz Problemen weitermacht.
  • „Handysucht“ ist keine Diagnose. Offiziell anerkannt ist bisher nur die Computerspielstörung in der ICD-11 der WHO. Für soziale Medien und Streaming nutzt die Forschung dieselben Kriterien.
  • Laut DAK-Studie (Befragung Herbst 2025) nutzen 6,6 Prozent der 10- bis 17-Jährigen soziale Medien und 4,5 Prozent digitale Spiele krankhaft.
  • Totalverbote helfen laut klicksafe und BIÖG wenig. Besser: ruhig ansprechen, kleine Ziele, Alternativen. Wenn es nicht besser wird, gibt es Beratung, auch für dich als Elternteil.

„Nur noch fünf Minuten“, und aus fünf Minuten wird eine Stunde. Die Tür knallt, wenn das WLAN aus ist. Viele Eltern kennen solche Momente und fragen sich irgendwann: Ist das noch normal? Die gute Nachricht vorweg: Alle Fachstellen, die ich für diese Seite gelesen habe, betonen, dass viel Bildschirmzeit allein kein Zeichen für eine Sucht ist. Diese Seite hilft dir, das einzuordnen, und zeigt, wo du Unterstützung bekommst.

Was mit „Handysucht“ gemeint ist

Das Wort ist umgangssprachlich. Die DAK weist darauf hin, dass nicht das Gerät süchtig macht, sondern das, was darauf passiert: Spiele, soziale Netzwerke, Videos. Fachleute sprechen von problematischer oder pathologischer Mediennutzung.

Als eigene Krankheit anerkannt ist bisher nur die Computerspielstörung (Gaming Disorder, Code 6C51). Sie steht in der ICD-11, dem Diagnosekatalog der WHO, der seit 2022 gilt. In Deutschland wird laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte noch nach der älteren ICD-10 kodiert. Für eine Computerspielstörung müssen drei Merkmale zusammenkommen:

  1. Kontrollverlust: Beginn, Dauer und Ende des Spielens lassen sich nicht mehr steuern.
  2. Vorrang: Das Spielen verdrängt andere Interessen und den Alltag.
  3. Weitermachen trotz Folgen: etwa trotz Streit in der Familie oder schlechter Noten.

Dazu muss ein deutlicher Leidensdruck oder eine erhebliche Beeinträchtigung kommen, in der Regel über mindestens zwölf Monate. Das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf überträgt diese Kriterien für seine Fragebögen auch auf soziale Medien und Streaming.

Wie viele Kinder betroffen sind

Die DAK-Gesundheit und das DZSKJ befragen seit 2019 regelmäßig Familien. In der achten Welle (1.005 Familien, befragt im Herbst 2025, veröffentlicht im März 2026) ergaben die Fragebögen für 10- bis 17-Jährige:

Bereichriskante Nutzungpathologische Nutzung
Soziale Medien21,5 %6,6 %
Digitale Spiele6,6 %4,5 %
Streaming und Online-Videosetwa jede oder jeder Fünfte4 %

„Riskant“ heißt: Einzelne Kriterien sind erfüllt, eine Vorstufe. „Pathologisch“ heißt: Die Kriterien sind nach dem Fragebogen erfüllt. Es handelt sich um eine Befragung, nicht um ärztliche Diagnosen. Bei Spielen sind Jungen fast dreimal so häufig betroffen wie Mädchen, bei sozialen Medien sind 14- bis 17-Jährige häufiger betroffen als Jüngere. Riskantes Streaming hat laut Studie deutlich zugenommen. Das Studienteam nennt Autoplay, endloses Scrollen und algorithmische Empfehlungen als wichtige Ansatzpunkte.

Warnzeichen

Zusammengefasst aus den Hinweisen von BIÖG, klicksafe und DAK. Ein einzelner Punkt sagt wenig. Aufmerksam solltest du werden, wenn mehrere Zeichen über Wochen zutreffen:

  • Absprachen zu Zeiten und Pausen werden regelmäßig überschritten, Versuche, weniger zu nutzen, scheitern.
  • Gereiztheit, Wut oder Niedergeschlagenheit, wenn das Handy oder die Konsole nicht verfügbar ist.
  • Hobbys, Freundschaften und Treffen werden aufgegeben.
  • Schlaf und Schule leiden spürbar, es gibt Fehlzeiten.
  • Die Nutzung wird verheimlicht oder heruntergespielt.
  • Medien werden vor allem genutzt, um Stress, Sorgen oder Einsamkeit zu vergessen.
  • Körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Rückenschmerzen und Schlafmangel kommen dazu.

Selbsttests und Fragebögen

Tests ersetzen keine Diagnose, sie helfen aber, das eigene Bauchgefühl zu sortieren:

  • Für Eltern: Auf mediensuchthilfe.info (DZSKJ) gibt es Elternfragebögen zu Spielen, sozialen Medien und Streaming, mit denen du das Verhalten deines Kindes einschätzt.
  • Für Jugendliche: Dort gibt es dieselben Themen als Selbsttest, außerdem den Test „Check dich selbst“ auf ins-netz-gehen.de.
  • Beobachten: Das BIÖG bietet ein Medientagebuch an, in dem ihr eine Woche lang festhaltet, wann und wofür Medien genutzt werden.

Seit April 2025 bieten außerdem teilnehmende Kinder- und Jugendarztpraxen für 12- bis 17-Jährige ein Mediensucht-Screening von DAK und Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte an.

Was du tun kannst

Ansprechen, ohne Vorwürfe

Das BIÖG rät, die Sorge ruhig und ohne Vorwürfe anzusprechen und damit zu rechnen, dass dein Kind erst einmal abblockt. klicksafe empfiehlt, nach den Gründen zu suchen: Fehlt etwas im echten Leben? Gibt es Stress in der Schule, Streit mit Freunden, Einsamkeit, eine Trennung in der Familie? Hinter viel Bildschirmzeit steckt manchmal ein anderes Problem.

Kleine Schritte statt Verbot

klicksafe schreibt, dass generelle Verbote auf Dauer wenig helfen und eher dazu führen, dass heimlich gespielt oder gescrollt wird. Das BIÖG hält ein komplettes Medienverbot für nicht zielführend, weil Kinder Selbstregulation nur im Umgang mit Medien lernen. Die DAK rät zu kleinen, realistischen Zielen:

  • Gemeinsam feste Nutzungsfenster und echte Pausen vereinbaren, zum Beispiel im Mediennutzungsvertrag.
  • Handyfreie Orte festlegen: Esstisch und Schlafzimmer. Nachts schläft das Handy draußen.
  • Benachrichtigungen und Autoplay abschalten, soweit es geht.
  • Alternativen anbieten, die dein Kind wirklich interessieren: Sport, Musik, Verein, Treffen.
  • Technische Grenzen wie Bildschirmzeit oder Family Link gemeinsam einrichten, nicht heimlich.
  • Das eigene Verhalten anschauen. Kinder merken, wie oft wir selbst aufs Handy schauen.

Die altersbezogenen Empfehlungen der Leitlinie der Kinder- und Jugendmedizin, etwa kein eigenes Smartphone vor zwölf, sind Vorbeugung. Sie sind nicht als Strafe gedacht, wenn es schon Probleme gibt. Wie viel Zeit für welches Alter empfohlen wird, steht unter Wie viel Bildschirmzeit ist okay?

Wann du Hilfe holen solltest

Spätestens wenn du merkst, dass ihr es allein nicht schafft, oder wenn die Warnzeichen über Monate bleiben. Erste Ansprechpartner sind laut DAK die Kinder- und Jugendarztpraxis oder eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Sie prüfen auch, ob etwa eine Angststörung oder Depression dahintersteckt, die laut UKE häufig zusammen mit problematischem Medienkonsum auftreten. Ziel einer Behandlung ist laut DAK meist eine kontrollierte Nutzung, nicht der völlige Verzicht.

WerWasKontakt
BIÖG-Infotelefon zur SuchtvorbeugungInformation und Weitervermittlung0221 892031, Mo bis Do 10 bis 22 Uhr, Fr bis So 10 bis 18 Uhr
ins-netz-gehen.de (BIÖG)Kostenlose E-Mail-Beratung für Eltern, auch anonym, Chat für Jugendliche, Datenbank mit Beratungsstellenins-netz-gehen.de/beratung
Mediensucht-Hotline (DZSKJ am UKE, gefördert von der DAK)Telefonberatung für Eltern und Jugendliche, für Versicherte aller Kassen, bis 30 Minutennur mit Termin, Anfrage per E-Mail über mediensuchthilfe.info
Beratungsstellen in deiner NäheSucht- und Medienberatung. Allgemeine Suchtberatungsstellen helfen laut DZSKJ in der Regel auch bei MediennutzungFachverband Medienabhängigkeit, Beratungsstellenfinder DZSKJ
Erziehungs- und FamilienberatungWenn der Streit ums Handy die ganze Familie belastetBeratungsstellensuche der bke
Elterntelefon der Nummer gegen KummerAnonym, kostenlos0800 111 0 550
Spezialambulanzen, etwa am UKE HamburgDiagnostik und Behandlung, in der Regel mit Überweisungüber Kinderarztpraxis oder die Listen oben

Wenn dein Kind in einer akuten Krise ist oder von Suizidgedanken spricht, warte nicht auf eine Suchtberatung. Ruf den Notruf 112 oder schau auf die Seite Hilfe holen.

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Quellen